Analyse statt Ansprache

Kölner Stadt-Anzeiger, 29. Januar 2013

Kollegiaten berichten: Die Personalisierte Medizin wird von manchen als Heilsbringer gefeiert, von anderen als Mogelpackung gebrandmarkt. Was ist dran an den neuen Methoden? Silke Offergeld, eine der Kollegiatinnen der „Tauchgänge in die Wisschenschaft“, liefert in ihrem Beitrag die Antworten.

Für Otmar Wiestler ist die Sache klar: Die personalisierte Medizin wird die Behandlung von Krebs revolutionieren. „Wir werden die Erkrankung vielleicht nicht bei der Mehrzahl der Betroffenen heilen können, aber sie werden über lange Zeit ein gutes Leben damit führen“, ist sich der Professor für Pathologie und Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg sicher. Nicht nur an der größten biomedizinischen Forschungseinrichtung in Deutschland wird seit Jahren mit Hochdruck auf diesem Gebiet geforscht – und mit Nachdruck dafür geworben. Auch jetzt, vor dem Weltkrebstag am 4. Februar.

Der Deutschen Krebshilfe zufolge erkranken jedes Jahr 490 000 Menschen in Deutschland an Krebs, 218 000 sterben daran. Das Versprechen der personalisierten Krebsmedizin: maßgeschneiderte und deshalb wirksamere Therapien zu entwickeln. Aber was genau meint das Schlagwort? Sind die Hoffnungen berechtigt, oder ist alles nur Marketing? Ein Überblick.

Personalisierte Medizin – was ist das? Bei der personalisierten oder individualisierten Medizin werden laut Definition der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften „die Daten eines Individuums auf molekularer Ebene erhoben und mit Mitteln der Informationstechnologie im Hinblick auf individualisierte Prognosestellung, Beratung und Therapie eben dieses Individuums ausgewertet“. Die bedeutsamsten Forschungsergebnisse stammen bislang aus dem Bereich der Genomik, der Analyse aller menschlichen Gene und ihres Zusammenspiels. Die Forscher vergleichen dabei das Erbgut von Tumorzellen mit dem von gesunden Zellen desselben Patienten, um festzustellen, welche Gene in den kranken Zellen verändert sind. Dabei haben sie auch beobachtet, dass bei der gleichen Krebsart ganz unterschiedliche genetische Veränderungen in den Zellen vorliegen. Das könnte die Ursache dafür sein, dass Medikamente und Bestrahlung bei einem Patienten anschlagen, bei einem anderen nicht. Dort setzt die pharmazeutische Forschung an: Sie entwickelt Antikörper, die als Biomarker fungieren, mit denen sich diese Veränderungen nachweisen lassen, und Medikamente, die bei Betroffenen mit genau diesen Veränderungen wirken. Zudem könnte in Zukunft eine Prognose möglich sein, ob jemand überhaupt an Krebs erkranken wird – zumindest ein persönliches Risiko ließe sich ermitteln.

Was ist personalisierte Medizin nicht? Größtes Missverständnis: Dass es bei der personalisierten Medizin um persönliche Ansprache durch den Arzt geht. Kritiker bemängeln, der Begriff sei bewusst irreführend gewählt, um die neuen Ansätze attraktiver zu machen. Dabei spielt das Arzt-Patienten-Verhältnis hier gerade keine große Rolle. Es geht vielmehr darum, Patienten je nach genetischem Profil in immer kleinere Gruppen zu unterteilen, um sie gezielt behandeln zu können. Stratifizieren nennen Mediziner dieses Einordnen von Patienten – „stratifizierende Medizin wäre deshalb aus meiner Sicht der redlichere Ausdruck“, sagt etwa Michael Schlander, Mediziner und Professor für Betriebswirtschaft an der Hochschule Ludwigshafen. Andere Experten sprechen lieber von „Präzisionsmedizin“.

Welche Vorteile haben die neuen Methoden? Erklärtes Ziel der Forschungsansätze: die richtige Medizin für den richtigen Patienten zur richtigen Zeit einsetzen zu können, damit Therapien besser wirken und weniger Nebenwirkungen haben. Tatsächlich sind bislang viele onkologische Standardtherapien ineffizient – Studien zufolge wirken sie nur in 20 Prozent der Fälle, selbst Medikamente gegen Alzheimer, Migräne und Schizophrenie stehen im Vergleich besser da. Die Chemotherapie bezeichnen Forscher gerne als „Schuss mit der Schrotflinte“, der einfach jedes schnellwachsende Gewebe bekämpft – im Idealfall auch die Krebszellen. Aber auch Tumorzellen haben Ruhephasen und entgehen so der Therapie. Die Forscher versuchen deshalb, die Auslöser für das Wachstum der jeweils vorhandenen Krebszellen zu finden und dort gezielt mit der Therapie anzusetzen.

Welche Nachteile gibt es? Präzisions-Medikamente werden aller Wahrscheinlichkeit nach sehr teuer sein. Die Entwicklungskosten für die Pharmafirmen sinken nicht, die Zielgruppen werden aber kleiner. Diese Kosten werden die Unternehmen weitergeben. Das Argument der Befürworter: Das Geld wird so immerhin nicht mehr für in vielen Fällen wirkungslose Therapien ausgegeben, wie es heute noch der Fall sei. Auch die Diagnose per Gentest verursacht Probleme. Denn die Analyse der Gene offenbart viel über einen Menschen – auch, welche anderen Krankheiten er womöglich einmal bekommt, von Erbkrankheiten wie Chorea Huntington bis Alzheimer. Wie mit solchen sensiblen Daten umgegangen werden soll, ist kaum geregelt. Hinzu kommt, dass die meisten Krankheiten nicht eine, sondern mehrere Ursachen haben – etwa Veränderungen an mehreren Genen, dazu Umweltfaktoren. Studien zufolge ist eine Familienanalyse oft aussagekräftiger für eine Risikoeinschätzung als ein Gentest, dennoch wird sie im Praxisalltag häufig vernachlässigt.

Wo funktioniert das schon? Als eines der ersten „personalisierten“ Medikamente gilt Herceptin: Es wirkt nur bei jeder vierten Frau mit Brustkrebs. Die Patientinnen werden vorab per Test identifiziert, ein Antikörper, Trastuzumab, bindet bei ihnen an ein bestimmtes Eiweißmolekül auf der Oberfläche der Krebszellen und behindert ihr Wachstum. Inzwischen ist der Wirkstoff auch für eine Formvon Magenkrebs zugelassen – in Zukunft, glauben Forscher, werden Krebsarten eher nach der molekularen Beschaffenheit des Tumors eingeordnet werden statt nach dem befallenen Organ. Eine einjährige Therapie mit Herceptin kostet allerdings über 40 000 Euro – das belastet die Krankenkassen. Und der Wirkstoff kann das Herz schädigen, da die Rezeptoren auch auf Herzmuskelzellen zu finden sind.

Auch für bestimmte Nierentumore stehen Medikamente mit personalisierter Wirkweise bereit (Sorafenib/Nexavar), für Darmkrebs (Bevaczumab/Avastin) und für chronische myeloische Leukämie (Imatinib/Glivec) – die meisten davon wirken auch für andere Tumore mit ähnlicher molekularer Beschaffenheit. An der Uniklinik Köln wird an personalisierten Therapieansätzen für Lungenkrebs gearbeitet, die das Leben von Patienten mit einer bestimmten Form des Tumors von zehn auf 40 Monate verlängern können sollen.

Insgesamt entsprächen erst zwei bis drei Prozent der Therapien dem Modell der personalisierten Medizin, sagt Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG: „Wir stehen erst am Anfang.“ Die Chemotherapie werde auf absehbare Zeitweiter eingesetzt werden müssen, räumt Pfundner ein. „Aber wir können schon heute bei bestimmten Formen von Brustkrebs 50 Prozent der Chemo einsparen.“

Die Deutsche Krebshilfe ruft zum Weltkrebstag derweil zu Prävention auf: Das persönliche Krebsrisiko mag irgendwann durch Tests erkennbar sein, senken lässt es sich schon heute durch einen gesunden Lebensstil mit viel Bewegung, gesundem Essen, Vermeidung von Übergewicht und zu viel UV-Strahlung sowie Verzicht auf Zigaretten und Alkohol.

Ein Interview zum Thema mit Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzendem der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, finden Sie hier.