Brustkrebs ist bei jeder Frau anders

Freizeitwoche, 2. Januar 2013

Kollegiaten berichten: Die Krebsforschung zeigt beispielhaft, welche Fortschritte die Medizin macht und welche Rolle das Genom dabei spielt. Petra Schrand, eine der Kollegiatinnen der „Tauchgänge in die Wissenschaft“, erklärt anhand von Brustkrebs, welche neuen Möglichkeiten zur Diagnostik und Therapie sich daraus ergeben.  

Früher wurde Krebs nach dem Organ unterschieden, in dem er auftrat, zum Beispiel Brustkrebs, Hautkrebs, Lungenkrebs. Professor Dr. Christof von Kalle vom Direktorium des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg erläutert: „Heute definieren wir Krebs als unangemessenes Wachstum im Gewebe, egal wo. Und wir betrachten in immer kleineren Details, wie es dazu kommt.“ In Zukunft werden Tumore eher nach ihrem Verhalten beziehungsweise nach ihrem genetischen Code unterschieden werden statt nach dem Ort, an dem sie auftreten.

In wenigen Bereichen der Medizin kann man den Fortschritt der Wissenschaft so gut ablesen wie bei der Krebsforschung. Patienten merken das daran, dass die Therapie individueller wird. Einiges ist bei Brustkrebs heute schon Standard:

Weist der Tumor eine erhöhte Konzentration des Proteins HER2 auf? Dieses Eiweiß sendet Wachstumssignale an das Zellinnere aus. Wenn reichlich HER2-Rezeptoren vorhanden sind, kommt es zu einem beschleunigten Tumorwachstum, der Krebs ist sehr aggressiv. Etwa jede sechste Frau ist betroffen. Patientinnen bekommen nach der Operation den Antikörper Trastuzumab, der gezielt Zellen mit HER2 angreift.

Ist der Tumor hormonabhängig? Untersucht wird, ob die Tumorzellen Andockstellen für die Hormone Progesteron oder Östrogen besitzt. Patientinnen mit Östrogenrezeptoren bekommen dann antihormonelle Medikamente, um nach einer Operation eventuell übrige Tumorzellen an der Vermehrung zu hindern. Betroffen sind etwa drei Viertel der Frauen.

Liegt der Tumor in der Familie? Etwa zehn bis 20 Prozent der Brustkrebsfälle geht auf eine Mutation zurück. Normalerweise gibt es in jedem Körper einen Stoff, der Tumore unterdrückt, der Tumorsuppressor BRCA1/BRCA2. Bei den betroffenen Frauen ist er verändert und fällt aus, Tumore können sich ausbreiten.

Auf dem Markt sind weitere Tests, in denen das Risiko für die Rückkehr eines Tumors oder die Notwendigeit einer Chemotherapie ausgerechnet wird. Manche müssen allerdings privat bezahlt werden. Professor von Kalle rät, ebenso wie sein Kollege Prof. Dr. Andreas Schneeweiss, Sektionsleiter Gynäkologische Onkologie im NCT, davon eher ab: „Wir glauben, dass es reicht, was die Kassen zahlen – wenn sich die neuen Tests als wirksam und nützlich herausstellen, werden sie auch in den Leistungskatalog  aufgenommen werden.“

Die Ärzte berichten von Fällen, in denen zwei Frauen im Krankenzimmer liegen: Beide sind gleich alt, beide haben Brustkrebs. Auf den Röntgenbildern sind die Tumore gleich groß und sitzen an der gleichen Stelle, unter dem Mikroskop sehen die Zellen gleich bösartig aus. Aber trotzdem wirkt die Chemo bei der einen Frau, bei der anderen nicht. „Diesen Fällen sind wir mit der neuen Methode der Gen-Sequenzierung auf der Spur.“

Konkret bedeutet das: Einer Patientin wird Blut abgenommen, um einen normalen DNA-Test zu machen, und gleichzeitig wird die DNA ihrer Krebszellen untersucht. Das Material wird im Labor so aufbereitet, dass sich lange Streifenmuster bilden, ähnlich wie die  Strichcodes auf Verpackungen. Und dann wird verglichen: Wie unterscheidet sich der genetische Code der Krebszelle von dem der gesunden Zelle? Was genau ist anders? Tanzt ein einzelnes Protein aus der Reihe? Teilt die Zelle sich deshalb unkontrolliert weiter?

Von Kalle: „Durch genetische Untersuchungen von Tumorzellen haben wir zum Beispiel  entdeckt, dass sich eine bestimmte Genveränderung bei Hautkrebs auch in einer seltenen Leukämieform findet. Dann haben wir ein altes Hautkrebsmedikament auch bei diesem Blutkrebs eingesetzt – es hilft.“ Die Forscher hoffen, solche Entdeckungen in Zukunft auch bei anderen Tumorarten machen zu können.

Dafür wurde ein internationales Krebsgenomkonsortium gegründet, in dem ein Atlas über die häufigsten Genveränderungen erstellt werden soll. Im Moment werden die Daten gesammelt, mehr Information soll mehr Erkenntnis bringen. Weltweit werden alle Forscher darauf Zugriff haben.

Tumorexperte von Kalle zieht ein erstes Resümee: „Den großen Durchbruch bei Krebs wird es nicht geben. Aber viele kleine Schritte, und damit kommt man auch vorwärts.“