„Nicht einmal Ärzte sind vorbereitet“

Kölner Stadt-Anzeiger, 29. Januar 2013

Kollegiaten berichten: Die Personalisierte Medizin wird den Alltag von Ärzten und Patienten verändern. Silke Offergeld, eine der Kollegiatinnen der „Tauchgänge in die Wisschenschaft“, befragt Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig zu den Folgen. Der Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft warnt im Interview vor überzogenen Erwartungen.

Personalisierte Medizin wird von vielen Ärzten und Forschern als Konzept für die Zukunft gefeiert. Sie sehen das kritisch – warum?

Wolf-Dieter Ludwig: Mich stört der Begriff. Patienten denken, da steht das Individuum im Mittelpunkt. Es geht bei der personalisierten Medizin aber darum, Daten auf molekularer Ebene zu erheben und mit der Informationstechnologie auszuwerten. Das Ergebnis ist keine maßgeschneiderte, sondern eine Subgruppen-Medizin. Das klingt nur nicht so vielversprechend.

Aber ist nicht jeder Fortschritt gut für die Patienten – egal, wie man ihn nennt?

Ludwig: Natürlich! Wir brauchen dringend klinische Studien zu neuen Medikamenten und Diagnosemethoden, um Therapien zielgerichtet einsetzen zu können und den Patienten Nebenwirkungen zu ersparen. Ich bin keineswegs gegen diese Forschung, ich wehre mich nur dagegen, zu suggerieren, mit diesen Methoden, hinter denen auch materielle Interessen stecken, die Medizin schnell revolutionieren zu können. Wenn es heißt, man könne mit diesen Erkenntnissen Krebs in zwei bis drei Jahren zu einer chronischen Krankheit machen, ist dies einfach unseriös.

Wer verdient denn an beziehungsweise mit diesem Begriff?

Ludwig: Das sind zum einen die Grundlagenforscher, die Millionenbeträge, auch von staatlicher Seite, für Forschungsaufträge bekommen. Noch mal: Diese Forschung ist notwendig und sollte in enger Kooperation zwischen Grundlagen-, klinischen Forschern und pharmazeutischen Unternehmen erfolgen. Die Frage ist nur, ob die Verteilung gerecht ist, wenn wir gleichzeitig nicht in der Lage sind, unabhängige Studien zum Nutzen neuer Wirkstoffe zu finanzieren. Dann profitieren Pharmafirmen, die Biomarker anbieten, mitunter als begleitende Diagnostik zu eigenen Medikamenten, zudem Labormediziner und Pathologen, die nun aufwendig nach Biomarkern fahnden. Und nicht zuletzt Ärzte, die dafür bezahlt werden, dass sie als Meinungsführer auf Symposien der Industrie neue Biomarker und „zielgerichtete“ Arzneimittel vorschnell anpreisen.

Diese Gelder wären deshalb woanders genauso gut investiert?

Ludwig: Sie sind schon gut investiert, mir geht es nur um die Balance. Gerade in der Krebsmedizin wären Investitionen in eine flächendeckende Palliativ- und Hospizversorgung genauso wichtig.

Der deutsche Ethikrat hat sich dem Thema im Frühjahr gewidmet unter dem Titel: „Der Patient als Nutznießer oder Opfer“ – wo liegen denn Gefahren?

Ludwig: Die liegen darin, dass sich Patienten auf Wege begeben, die wissenschaftlich nicht ausreichend untersucht sind – bei Krebs greift man ja nach jedem Strohhalm. Es wird nicht einfach sein, Patienten richtig über Möglichkeiten der personalisierten Medizin zu informieren. Und zurzeit sind nicht einmal die Ärzte gut darauf vorbereitet, mit dem Wissen umzugehen, das durch Genomanalysen verfügbar wird.

Einen Hintergrundbericht mit Fragen und Antworten zur personalisierten Medizin von Silke Offergeld finden Sie hier.