Seminar 2 in Stuttgart: Auf dem Weg zur individualisierten Vorsorge und Therapie?

Im zweiten Seminar der „Tauchgänge in die Wissenschaft“ lernten die Teilnehmer des Journalistenkollegs die Grundlagen, Chancen und Risiken der Prädiktiven genetischen Diagnostik kennen.

Die 15 Journalisten, die aus einer großen Zahl von Bewerbern für das Journalistenkolleg ausgewählt wurden, bekamen an drei Seminartagen in Stuttgart von exzellenten Wissenschaftlern einen Überblick über diese wichtige Methode der modernen Medizin. Bei der Prädiktiven genetischen Diagnostik wird ein Genprofil des Patienten erstellt, aus dem sich erkennen lässt, wie hoch sein Risiko für bestimmte Krankheiten ist. Auch Rückschlüsse auf die individuelle Wirksamkeit von Medikamenten sind durch den Gentest möglich.

Die Teilnehmer des Kollegs erfuhren in einem Vortrag von Prof. Dr. Roland Eils vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg, welche Datenmengen bei solch einem Test entstehen, welche Erkenntnisse sich daraus gewinnen lassen, aber auch, welche Kosten inzwischen mit der Speicherung verbunden sind. Auch die ethischen Fragestellungen, die mit Prädiktiver genetischer Diagnostik verbunden sind, wurden diskutiert. Dazu gehört beispielsweise der Datenschutz oder das Recht, nichts von einer drohenden Krankheit erfahren zu wollen, die möglicherweise im Erbgut schlummert.

In seinem kritischen Vortrag zum Auftakt des Seminars widmete sich Prof. Dr. Urban Wiesing, Universität Tübingen, der Frage, wie sich neue Möglichkeiten der Diagnostik auf unser Bild von Gesundheit und Krankheit auswirken. Prof. Dr. Peter Propping, Mitglied des Leopoldina-Präsidiums, blickte dann in seiner Dinner Speech auf die Entwicklung der genetischen Diagnostik seit der ersten kompletten Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahr 2001 zurück.

Propping war auch an einer Podiumsdiskussion beteiligt, in der debattiert wurde, welche Veränderungen durch die Prädiktive genetische Diagnostik auf Patienten zukommen, wann ein Gentest sinnvoll ist und wie die Beratung ablaufen sollte, damit Patienten mit den Ergebnissen umgehen können. An der intensiven Diskussion wirkten zudem Prof. Dr. Stefan Aretz, Universität Bonn, Andrea Hahne, Vorsitzende des BRCA-Netzwerks Hilfe bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs e.V., und Prof. Dr. Gerhard Wolff, Facharzt für Humangenetik aus Freiburg, mit.

In einem Streitgespräch diskutierte Wolff mit Prof. Dr. Daniela Steinberger vom bio.logis Zentrum für Humangenetik, Frankfurt am Main, wie Gentests zu bewerten sind, die Patienten direkt im Internet in Auftrag geben können. Prof. Dr. Matthias Schwab, Institut für Klinische Pharmakologie (IKP) Stuttgart, erklärte den Teilnehmern des Kollegs, wie Medikamente entwickelt werden, die speziell auf die genetische Ausstattung bestimmter Patientengruppen abgestimmt sind. Bei einem Besuch am IKP erlebten die Journalisten, wie diese Arbeit vor Ort abläuft, beispielsweise den Umgang mit Gewebeproben oder die Betreuung von Probanden, die an klinischen Studien zum Test neuer Medikamente teilnehmen.

Zum Abschluss des Seminars erhielten die Journalisten in einem Workshop von Marcus Anhäuser, Chefredakteur des Portals medien-doktor.de, und Dr. Jeanne Rubner, Leiterin der Wissenschaftsredaktion des Bayerischen Rundfunks (Hörfunk), Empfehlungen zur Recherche von wissenschaftlichen Themen, beispielsweise für die Suche nach geeigneten Experten und die kritische Bewertung von Studien.

Das Journalistenkolleg „Tauchgänge in die Wissenschaft“ vermittelt 15 Journalisten, die nicht aus dem Wissenschaftsressort kommen, Einblicke in wissenschaftliche Themen von großer gesellschaftlicher Relevanz. Die Teilnehmer lernen aktuelle Spitzenforschung, die Rahmenbedingungen der Wissenschaft und wichtige Recherchewerkzeuge kennen. Das Journalistenkolleg 2012-2014 steht unter dem Titel „Der Patient der Zukunft – Wie Gentechnik und Alternsforschung die Medizin verändern“ und umfasst insgesamt vier Seminare. Das dritte „Tauchgänge“-Seminar findet vom 24. bis 26. Oktober in Halle statt.

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