Seminar 3 in Halle: Demenz, Krebs, Zuckerkrankheit im Alter

Das Miteinander von Schülern und Senioren erleben die Teilnehmer am „Haus der Generationen“. Foto: Franckesche Stiftungen

Der „Patient der Zukunft“ wird nicht nur mit Gendiagnostik oder maßgeschneiderten Medikamenten konfrontiert werden. Auch Vorsorge und Pflege, Architektur und Produktdesign werden und müssen sich in den kommenden Jahren verändern, vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Im dritten Seminar der „Tauchgänge in die Wissenschaft“ erfuhren die Teilnehmer, welchen Beitrag die sozialwissenschaftliche Forschung leisten kann, um die Medizin zu unterstützen, präventiv zu wirken und mit schnellen Lösungen Patienten das Leben mit Volkskrankheiten wie Demenz, Krebs oder Diabetes zu erleichtern.

An drei Tagen bot das Seminar einen Überblick, welche Trends in der Forschung dabei derzeit maßgeblich sind. Zudem konnten die Kollegiaten an einigen Beispielen erleben, wie die neuen Ansätze bereits in die Praxis umgesetzt werden. Nicht zuletzt wurden auch die Auswirkungen des demografischen Wandels auf das Gesundheitssystem diskutiert.

Ein einführender Vortrag zu „Gesellschaftlichen Folgen des Alterns“ verdeutlichte die teilweise drastischen Dimensionen des demografischen Wandels. Wie viele Demenzerkrankungen wird es künftig geben? Wie entwickelt sich die Lebenserwartung? Diese Fragen wurden hier von Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels beantwortet. Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey, Direktorin des Instituts für medizinische Soziologie an der Charité, ging im Anschluss in ihrer Dinner Speech „Gesund altern – Herausforderung für Gesellschaft und Pflege und neue Lösungsansätze aus der Gerontologie“ auf die Krankheitslast von Patienten ein und auf Möglichkeiten, wie ihr begegnet werden kann.

Der zweite Seminartag begann mit einem Ausflug an die Franckeschen Stiftungen in Halle. Dort sind im „Haus der Generationen“ eine Grundschule, ein Familienkompetenzzentrum und ein Altenpflegeheim zusammengefasst. Die Kollegiaten erlebten, wie die neuen Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften dort umgesetzt werden. Andreas Fritschek, Vorstand der Paul-Riebeck-Stiftung, Halle, erklärte, wie das Miteinander von Grundschülern und Senioren funktioniert und welchen Gewinn die Bewohner des Altenheims daraus für ihre Gesundheit ziehen können. Bei Kaffe und Kuchen mit den Bewohnern und Kindern aus der Grundschule gab es am Nachmittag auch Gelegenheit, über den Alltag im „Haus der Generationen“ zu sprechen. Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen von der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité legte in einem Vortrag dar, welchen Beitrag Bewegung und vor allem geistige Aktivität für gesundes Altern und zur Vorbeugung von Krankheiten wie Demenz und Diabetes leisten können.

Prof. Dr. Hans-Werner Wahl, Direktoriumsmitglied im Netzwerk Alternsforschung und Abteilungsleiter Psychologische Alternsforschung am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg, näherte sich dann der Frage, wie das Altern überhaupt abläuft. In seinem Vortrag „Altern objektiv und subjektiv: Warum wir uns mit zunehmendem Alter jünger fühlen“ wies er auch darauf hin, dass es ein multiples Alter gibt, wir uns also in einigen Bereichen jung fühlen können, während wir in anderen schon deutlich die Folgen des Alters spüren.

Die Möglichkeiten, hilfsbedürftige alte Menschen verstärkt mit Technik zu unterstützen, wurden danach in einem Streitgespräch diskutiert. Prof. Dr. Norbert Link, Forschungsleiter der Vitracom AG, stellte das System „Sense@Home“ vor. Mithilfe von Sensoren erkennt diese Technik, wenn jemand in seiner Wohnung stürzt. Über Videotelefonie kann dann Hilfe geholt werden. Prof. Link diskutierte mit Dr. Hans-Jörg Ehni, Stellvertretender Direktor am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen, über die Frage „Was brauchen alte Menschen: Technik oder Fürsorge?“ Die finanziellen Auswirkungen des demografischen Wandels standen dann im Mittelpunkt einer Fishbowl-Diskussion zur Frage „Ist unser Gesundheitssystem fit für den demografischen Wandel?“ Die Diskussion wird von Dr. Werner Bartens, Redaktionsleiter Wissenschaft bei der „Süddeutschen Zeitung“, moderiert.

Dass alte Menschen auch ein besonders gestaltetes Wohnumfeld brauchen, legte Dr. Gesine Marquardt, Leiterin der Arbeitsgruppe „Architektur im demografischen Wandel“ an der TU Dresden, in ihrem Vortrag zu Beginn des dritten Seminartags dar. Sie zeigte auf, welche speziellen Bedürfnisse künftig stärker berücksichtigt werden müssen und wie Wohnungen, aber auch Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, baulich konzipiert sein sollten, um für alte Menschen ideal geeignet zu sein.

Den Abschluss des Seminars bildete ein Workshop zum korrekten Umgang mit wissenschaftliche Studien, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten. Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, und Dr. Werner Bartens erklärten anhand von Beispielen gemeinsam, worauf Journalisten achten müssen, wenn sie auf Zahlen aus Studien zurückgreifen.

Das Journalistenkolleg „Tauchgänge in die Wissenschaft“ vermittelt 15 Journalisten, die nicht aus dem Wissenschaftsressort kommen, Einblicke in wissenschaftliche Themen von großer gesellschaftlicher Relevanz. Die Teilnehmer lernen aktuelle Spitzenforschung, die Rahmenbedingungen der Wissenschaft und wichtige Recherchewerkzeuge kennen. Das Journalistenkolleg 2012-2014 steht unter dem Titel „Der Patient der Zukunft – Wie Gentechnik und Alternsforschung die Medizin verändern“ und umfasst insgesamt vier Seminare. Das vierte „Tauchgänge“-Seminar findet vom 30. April bis 3. Mai 2014 in Boston/USA statt.

Hier gibt es Fotos vom Seminar in Halle.