Zusatzpfunde steigern das Krebsrisiko

Freizeitwoche, 2. Juli 2014

Kollegiaten berichten: „Übergewicht ist das neue Rauchen“, sagt Professor Robert Allan Weinberg vom Whitehead-Institut in Boston, USA. Denn zusätzliche Pfunde steigern gleich auf verschiedenen Wegen das Risiko, an Krebs zu erkranken. Petra Schrand, eine der Kollegiatinnen der „Tauchgänge in die Wissenschaft“, stellt in ihrem Beitrag den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs vor.

Wie Krebs entsteht, ist schon länger ziemlich klar: Am Anfang steht eine Mutation, also eine Änderung der Erbinformation einer einzelnen Zelle. Das passiert häufig – oft gelingt es dem Körper, diese entartete Zelle schnell wieder aus dem Weg zu räumen. Aber nicht immer. Dann können sich Krebszellen teilen und vermehren, sie können wachsen oder einfach nicht zügig sterben.

Dabei spielt Übergewicht eine große Rolle. Professor Dr. Stephan Herzig, Wissenschaftler am Krebsforschungzentrum der Universität und der Uniklinik Heidelberg, erklärt: „Wir betrachten Übergewicht als Tumorpromotor. Das heißt, dass es zwar keine Zellschäden verursacht, aber veränderten Zellen bessere Wachstumsbedingungen verschafft.“ Das geschieht auf vier Wegen:

  • Wirkung auf den Blutzuckerspiegel. Übergewicht geht häufig mit einer Insulinresistenz einher, der Vorstufe von Diabetes. Dann reagiert der Köper nicht mehr so gut auf das Insulin und die Bauchspeicheldrüse schüttet immer mehr von diesem Hormon aus, um den Blutzucker im Normalbereich zu halten. Aber Insulin wirkt wie ein Wachstumshormon – es regt auch Tumorzellen zum Wachstum an. Herzig: „Studien zeigen, dass bei Diabetikern, die jahrelang Insulin spritzen, auch das Krebsrisiko steigt.“ Und im Tiermodell schützen Medikamente, die die Insulinresistenz eindämmen, auch vor Leberkrebs.“
  • Wirkung auf den Stoffwechsel. Fett, vor allem am Bauch, ist nicht nur einfach da, sondern stoffwechselaktiv – es arbeitet wie ein eigenes Organ. Zum Beispiel schüttet es Leptin aus. Dieses Fetthormon verursacht das Hungergefühl. Man wird dicker – und die Tumorzellen werden größer. Leptin fördert in Studien das Wachstum von Brust,- Darm-, Eierstock- und Prostatakrebs.
  • Wirkung auf Entzündungen. Im Fettgewebe finden sich auch Immunzellen, denn für den Körper ist starkes Übergewicht ein chronischentzündlicher Vorgang. Entzündungsbotenstoffe verteilen sich im Körper. Sie stören den körpereigenen programmierten Zelltod kranker Zellen – Tumorzellen überleben deshalb länger.
  • Wirkung auf Krebszellen. Tumorzellen benötigen viel Energie, um zu wachsen und sich zu teilen. Wenn da Fettgewebe in der Nachbarschaft liegt – das zeigt sich besonders in der Brust – kann dort gespeichertes Fett in die Tumorzelle übertragen werden. Herzig: „Tumorzellen zapfen Fettzellen an und nutzen sie als Energiequelle“.

Der amerikanische Molekularbiologe Professor Robert Allan Weinberg vom Whitehead-Institut in Boston formuliert es dramatisch: „Übergewicht ist das neue Rauchen.“ Also weit verbreitet und im Moment in Bezug auf Krebs noch extrem unterschätzt – wie vor Jahrzehnten der Tabak. Dabei ist die Erhöhung des Krebsrisikos bereits für Tumore an der Gebärmutter, der Gallenblase, der Speiseröhre, den Nierenzellen, dem Dickdarm, der Brust und der Bauchspeicheldrüse nachgewiesen.

Von Fettleibigkeit sprechen Ärzte bei einem BMI über 30. Studien zeigen, dass eine Gewichtsreduktion auch das Krebsrisiko senkt. Zum Abschluss noch einmal Prof. Herzig: „Abnehmen hilft zur Vorbeugung, das ist heute glasklar. Die Fettzellen schrumpfen, die Insulin-, Leptin- und Entzündungswerte gehen runter.“