Seminar 1 in Braunschweig: Grundlagen und Herausforderungen der modernen Landwirtschaft

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Die Kollegiaten des dritten Zyklus der „Tauchgänge in die Wissenschaft“ vor dem Johann Heinrich von Thünen-Instituts, Braunschweig

Das war die grundlegende Frage des Auftaktseminars der dritten Auflage des Journalistenkollegs „Tauchgänge in die Wissenschaft“. Während der drei Seminartage wurde schnell deutlich, dass der Strukturwandel der Landwirtschaft in den kommenden Jahren weiterhin für Veränderungen sorgen wird. Wie ein roter Faden zog sich aber auch durch die Vorträge, dass Vorstellungen und Anforderungen der Verbraucher oft im Widerspruch zu tatsächlichen Rahmen- und Produktionsbedingungen stehen.

Die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Bedingt durch technologischen Fortschritt, Vorgaben der Agrarpolitik und die Globalisierung ist ein Strukturwandel in vollem Gange, der die Methoden der Erzeugung ebenso umfasst wie die Rahmenbedingungen für die Erzeuger und die Struktur der Märkte, sowohl in Deutschland als auch innerhalb der EU und weltweit. Im Journalistenkolleg der Robert Bosch Stiftung und der Leopoldina wird gezeigt, welchen Beitrag wissenschaftliche Erkenntnisse in diesem komplexen Veränderungsprozess leisten und welchen Stellenwert sie haben, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.

Teilnehmer sind 15 erfahrene Journalisten, die nicht aus dem Wissenschaftsressort kommen. In Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden erfahren sie Hintergründe zum Thema, sie besuchen herausragende Forschungsinstitute und treffen auf exzellente Experten. Für das Auftaktseminar des Kollegs führte sie der Weg vom 20. bis 22. November 2014 nach Braunschweig.

An der TU Braunschweig erfuhren die Journalisten in einem Vortrag von Prof. Dr. Hiltrud Nieberg, Leiterin des Instituts für Betriebswirtschaft am Braunschweiger Thünen-Institut, wie entscheidend der Markt und individuelle Managementkompetenzen der Landwirte als treibende Kräfte für den aktuellen Strukturwandel in der Landwirtschaft sind. Prof. Dr. Ludger Frerichs, Leiter des Instituts für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge an der TU Braunschweig, stellte die landtechnische Forschung an der TU vor. Er zeigte auf, wie hochkomplexe und vernetzte Landfahrzeuge zu Produktionsvorteilen, aber auch zu einer Reduktion von Spritverbrauch und CO2-Ausstoß geführt haben.

Am Thünen-Institut in Braunschweig wurden die Kollegiaten am zweiten Tag des Seminars von Präsident Prof. Dr. Folkhard Isermeyer begrüßt. Er gab einen Überblick über den Stand der Nutztierhaltung in Deutschland und diskutierte, inwiefern die Wissenschaft bessere Maßnahmen zugunsten des Tierwohls in der Massentierhaltung entwickeln sollte. Prof. Dr. Olaf Christen, Professor für Allgemeinen Pflanzenbau/Ökologischen Landbau an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, erläuterte danach anhand der aktuellen Situation im Ackerbau in Deutschland, dass bestimmte Formen der Bodenbearbeitung und vor allem reduzierte Fruchtfolgen auf Dauer die Ertragsfähigkeit von Flächen gefährden.

Wie die Forschung am Thünen-Institut ganz konkret abläuft, erlebten die Teilnehmer  bei einem Rundgang durch das Institut für Agrartechnologie. Hier wird unter anderem an „Grüner Chemie“ gearbeitet – also die Möglichkeiten von Biomasse als Grundstoff für die chemische Industrie, zum Beispiel für Plastikflaschen, im post-fossilen Zeitalter erforscht. Auch bei der Laborarbeit im Rahmen der „Bodenzustandserhebung Landwirtschaft“ konnten die Journalisten den Wissenschaftlern über die Schulter blicken. Für dieses Projekt werden erstmals bundesweit Bodenproben genommen, um flächendeckend und über einen langen Zeitraum die Qualität des Bodens und seine Rolle im Klimageschehen zu untersuchen.

Besonders aktuell war eine Podiumsdiskussion zum Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung mit Dr. Ludwig Diekmann, Leiter des Fachbereichs Tierzucht, Tierhaltung, Versuchswesen Tier, Tiergesundheitsdienste bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Dr. Annemarie Käsbohrer, Leiterin der Fachgruppe „Epidemiologie, Zoonosen und Antibiotikaresistenzen“ am Bundesinstitut für Risikobewertung, und Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen an der Freien Universität Berlin. Die Experten waren sich einig, dass die Dimensionen der Antibiotika-Vergabe, die rechtlichen Rahmenbedingungen und vor allem der Zusammenhang mit der Ausbreitung von Resistenzen ein ernsthaftes Problem darstellen, das eigentlich auf europäischer oder globaler Ebene angegangen werden müsste. Es moderierte der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth.

Der dritte Seminartag begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Ingrid Kögel-Knabner, Leiterin des Lehrstuhls für Bodenkunde am Wissenschaftszentrum Weihenstephan. Sie führte aus, wie notwendig eine nachhaltige und den jeweiligen Bodenzuständen angepasste Bodenbewirtschaftung ist. Fast in einer Art Resümee reflektieren die Kollegiaten abschließend in einem Workshop die Frage, welches Bild von Landwirtschaft in den Publikumsmedien vermittelt wird – und ob es mit der Realität übereinstimmt. Als Impulsgeber vertraten bei dieser Frage Stefan Kreutzberger, freier Journalist und Buchautor, und Dr. Ludger Schulze Pals, Chefredakteur von „TopAgrar“, sehr unterschiedliche Positionen. Der Workshop wurde von Andreas Sentker, Ressortleiter Wissen, „Die ZEIT“, moderiert.

Hier gibt es Eindrücke vom Seminar in Braunschweig.

Das zweite Seminar der Reihe wird vom 23. bis 25. April 2015 in Halle stattfinden.