„Die Krise war allenfalls eine Delle“

Mitteldeutsche Zeitung, 19. Dezember 2014

Kollegiaten berichten: Die deutsche Solarindustrie lag vor gut zwei Jahren am Boden. An kaum einem Standort war das so stark zu spüren wie im Solar Valley in Sachsen-Anhalt. Inzwischen kommt die Branche wieder auf die Beine. Über die Perspektiven, den ehemaligen Weltmarktführer Q-Cells und die Fehleinschätzungen deutscher Konzerne sprach Christian Schafmeister, einer der Kollegiaten der „Tauchgänge in die Wissenschaft“, mit Prof. Dr. Eicke Weber, Direktor des Fraunhofer-Institutes für Solare Energiesysteme in Freiburg.

Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die Hanwha-Tochter Solar One und Hanwha Q-Cells zu einem neuen Konzern fusionieren. Was bedeutet das für das Unternehmen und den Standort im Solar Valley?

Weber: Das ist zunächst einmal ein großes Kompliment für Q-Cells und ein sehr gutes Zeichen für den Standort in Thalheim. Schon 2012 sind die Südkoreaner dort vor allem wegen der hervorragenden Forschungsarbeit eingestiegen. Die jetzige Entscheidung zeigt, dass Deutschland in der Solarbranche technologisch weiter an der Spitze steht. Es ist daher kein Zufall, dass auch beim neuen Solar-Konzern Forschung und Entwicklung in Thalheim gebündelt werden.

Einstieg 2012, Fusion 2014 – steckt dahinter eine langfristige Strategie der Südkoreaner?

Weber: Definitiv! Hanwha hat sich in der kurzen Krise der Solarbranche strategisch richtig entschieden und wollte Q-Cells von Beginn an ausbauen. Leider hat deutschen Konzernen wie Siemens – immerhin der deutsche Solarpionier – und Bosch, die sich beide aus der Solarbranche verabschiedet haben, diese Weitsicht und dieser lange Atem gefehlt.

Die Krise der Solarbranche hat doch aber gerade Deutschland mit voller Wucht getroffen. Waren die Entscheidungen der Konzerne da nicht nachvollziehbar?

Weber: Nein, die Entscheidungen waren nicht nachvollziehbar, und es waren völlig falsche Weichenstellungen. Weltweit wächst die Solarbranche seit Jahren, die Prognosen  werden ständig übertroffen. In diesem Jahr gehen wir von 45 Gigawatt neu installierter Leistung aus, im nächsten Jahr werden es mehr als 50 Gigawatt sein und 2020 bereits 100 bis 150. Diese Zahlen hätten sich die deutschen Konzerne vorher einfach einmal genau anschauen sollen. Die Krise vor zwei Jahren war vor diesem Hintergrund allenfalls eine Delle, eine kurze Zeit, in der es weltweit große Überkapazitäten in der Produktion gab. Ich erwarte aber, dass ab 2016 die Nachfrage die Produktionskapazitäten wieder eingeholt haben wird. Das heißt, es beginnt jetzt auch ökonomisch wieder richtig interessant zu werden.

Das hat sich die deutsche Politik vor einigen Jahren auch einmal erhofft, als die Solarbranche massiv finanziell gefördert wurde.

Weber: Die Förderung damals hat letztlich bewirkt, dass der Markt rasant gewachsen und die Produktionskosten weltweit erheblich gesunken sind. Deutschland hat da einen guten Job gemacht, von dem letztlich alle profitiert haben. Mit den geringeren Produktionskosten in Asien konnten dann viele deutsche Hersteller jedoch nicht mehr mithalten. Mit dem heutigen Stand der Forschung in Deutschland und den rasant wachsenden Märkten weltweit besteht aber jetzt erneut eine große Chance, wieder richtig gut mitzumischen. Ich hoffe sehr, dass wir daraus etwas machen und den Ball nicht wieder fallenlassen.

Was macht Sie skeptisch?

Weber: Den Entscheidungsträgern in Deutschland, insbesondere in der Politik, fehlen oft Mut und Entschlossenheit. Stattdessen sind sie verunsichert, denken zu kurzfristig und setzen die falschen Signale wie die Abgabe auf selbst erzeugten Solarstrom. Jetzt sollte dagegen entschlossen in die Energiewende investiert werden, das wäre das intelligenteste, was wir tun können. Natürlich geht es um Milliardenkosten. Doch ich bin mir ganz sicher, dass sich das in 10, 20 Jahren auszahlen wird.

Populär wäre das aber nicht, zumal die Energiewende schon heute häufig nur mit Kosten verbunden wird.

Weber: Das stimmt. Leider sieht man die Vorteile nicht wie die niedrigen Preise an der Strombörse. Manchmal habe ich den Eindruck, Energiewende wird bewusst zu einem Unwort in Deutschland stilisiert, und das wäre fatal. Ich bleibe dabei, wir sollten jetzt kräftig investieren, um so bald wie möglich eine stabile, berechenbare Energieversorgung zu erlangen.

Und wofür sollte das Geld ausgegeben werden?

Weber: Ein zentraler Punkt könnte die Forschung an einem „Super Grid“ sein, also einem intelligenten Stromnetz, das eine dezentrale Einspeisung sowie einen weiträumigen Transport über mehrere Staaten hinweg ermöglicht. Mit einem derartigen leistungsfähigen Netz werden wir weniger Speicher für Strom aus Wind- und Sonnenenergie benötigen. Ein zweiter Punkt ist die Arbeit an dezentralen Lösungen für private und industrielle Kunden, das ist heute schon ein wichtiges Thema. Und drittens sollte die Forschung an den nächsten Generationen von Silizium-Modulen weiter entschlossen vorangetrieben werden. Ohnehin bin ich davon überzeugt, dass der Solarbereich auch in ökonomischer Hinsicht die interessanteste Option ist.

Das haben viele Energieriesen in Deutschland lange offenbar anders gesehen und weiter auf Atom, Gas und Kohle gesetzt. Hat da also doch der wirtschaftliche Anreiz gefehlt?

Weber: Das Gegenteil ist der Fall. Die Energiekonzerne stecken in der Krise, weil sie seit langem kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr haben und sich selbst mit ihren teils konkurrierenden Bereichen blockieren. Daher ist es spannend, dass auch Eon angekündigt hat, sich von Atom, Kohle und Gas zu verabschieden und stattdessen auf erneuerbare Energie und Kundenlösungen zu setzen. Das wird der richtige Weg sein.