Keine Panik wegen H5N8

MDR Info, 1. Dezember 2014

Kollegiaten berichten: Seit die ersten Fälle der Vogelgrippe vom Subtyp H5N8 in Deutschland bestätigt sind, fürchten Menschen um ihre Gesundheit und Geflügelzüchter um ihre Tiere – und natürlich auch um das Weihnachtsgeschäft. Maren Beddies, eine der Kollegiatinnen der „Tauchgänge in die Wissenschaft“, hat Wissenschaftler, Geflügelzüchter und Politiker befragt, wie sie die Lage einschätzen.

Da wäre zunächst der Wissenschaftler. Professor Dr. Lothar Wieler ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität (FU) Berlin und ab nächstem Jahr Präsident des Robert Koch Instituts, das für Krankheitsüberwachung und Prävention verantwortlich ist. Er sagt über die Vogelgrippe: „Das Virus, das zur Zeit unterwegs ist – das H5N8 – es gibt keine Fälle, wo diese Viren Menschen infiziert haben. Das heißt, bislang schätzen wir es alle ein als sehr geringes Risiko. Aber wegen dieser Mutation sagen wir, es ist nicht ausgeschlossen.“

Die Wissenschaftler sind vorsichtig. Vogelgrippe-Viren sind erstmal nichts anderes als Influenza-Viren. Zu einer Mutation kann es kommen, wenn ein Tier mit zwei Viren infiziert wurde. Das hat es in der Vergangenheit auch schon gegeben, bestätigt Professor Wieler und erklärt: „Und dann kann ein Virus entstehen, das völlig neue Eigenschaften hat. Und das ist nie vorherzusagen. Das ist der Grund, warum alle Experten immer so risikobewusst sind und sagen, wir müssen gut aufpassen, damit sie solche Veränderungen erkennen.“

Natürlich sind auch die Geflügelzüchter alarmiert. Aber sie warnen zugleich vor zu viel Aktionismus. Im sächsischen Gänsezuchtbetrieb Eskildsen schnatterten letzten Freitag noch rund 9000 Tiere unter freiem Himmel. Geschäftsführer Lorenz Eskildsen, der im Frühjahr 2006 erleben musste, welche massiven Auswirkungen ein Vogelgrippe-Fall im eigenen Betrieb hat, ist derzeit nicht besorgt, aber leicht angespannt. Grund sind nicht die Tiere, sondern die Menschen: „Es wird natürlich berichtet, dass die Biosicherheitsmaßnahmen hochgefahren werden, dass die Besucherfrequenzen reduziert werden. Das wird dann auch oft falsch verstanden. Die Welt ist hier in Ordnung, man kann uns hier besuchen auf dem Betrieb, man kann seine Weihnachtsgans kaufen und wir sollen jetzt nicht irgendwie in Panik verfallen.“

Gleichwohl wollen Lorenz Eskildsen und die Stadt Grimma, in deren Verwaltung der Wermsdorfer Gänsezuchtbetrieb seit 2012 fällt, für den Notfall gerüstet sein. Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger kam Ende letzter Woche mit Vertretern der Stadtverwaltung und der Feuerwehr nach Wermsdorf: „Ich würde gleich mal die Liste überreichen mit den ganzen Daten der Erreichbarkeit – wenn was wäre. Wir sind zwar katastrophenerprobt, wenn‘s um Wasser geht, aber mit der Hühnergrippe hatten wir – Gott sei Dank – noch nie zu tun. Und da ist es wichtig, wenn man weiß, wer ist wo zuständig, auch wenn wir nicht primär verantwortlich sind. Und deswegen sitzen wir hier. Also, das ist wenig spektakulär.“

Kontakte und Erfahrungen austauschen, sich der Zusammenarbeit versichern. Nicht mehr und nicht weniger sollte dieses Treffen sein, bei dem sich die Krisen-erprobte Stadt Grimma als verlässlicher Partner präsentierte und der Gänsezüchter über seine Erfahrungen berichtete, in denen Bitterkeit und Hoffnung sich die Waage halten: „H5N9, H5N1, H5N8 – das ist so’n bisschen wie Schiffe versenken – da hat man auch immer die Koordinaten durchgegeben und irgendwann hat dann einer gemeldet: Treffer. Also, ich kann nur an alle appellieren: Haltet den Ball flach. Ich finde das gut, dass wir hier in dieser Runde zusammen sitzen.“

Denn niemand – weder Gänsezüchter Eskildsen noch die Stadt Grimma – möchte sich nachsagen lassen, für den Fall der Fälle nicht gewappnet gewesen zu sein.