Auf der Suche nach einem Leitbild für Landwirte

Stuttgarter Zeitung, 14. Januar 2014

Kollegiaten berichten: Zur Grünen Woche werden die Lebensmittelproduzenten wieder ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Zugleich wird es – wie in den vergangenen Jahren – Proteste gegen die industrialisierte Landwirtschaft, insbesondere die Haltungsbedingungen von Nutztieren, geben. Christoph Link, einer der Kollegiaten der „Tauchgänge in die Wissenschaft“, geht in seinem Beitrag dieser widersprüchlichen Situation auf den Grund und befragt Experten, wie Landwirte, Verbraucher und Politik damit umgehen sollten.

Diese Szene aus einem Stall zeigt den Fortschritt in der Landwirtschaft, aber für Folkhard Isermeyer offenbart sie ein Dilemma der modernen Nutztierhaltung: Gezeigt wird ein „Abferkelsystem“ einer holländischen Firma, bei dem eine Muttersau mit ihren Ferkeln allein in einer transportablen Plastikwanne gehalten, geimpft und gefüttert wird – isoliert vom restlichen Tierbestand und damit frei vom Risiko durch Infektionen. „Einerseits ein perfektes System“, sagt Isermeyer, der Präsident des Bundesforschungsinstituts für Ländliche Räume, Wald und Fischerei (Thünen-Institut) in Braunschweig ist. Auf der Agrarmesse „Eurotier“ in Hannover erhielt die Wanne eine Goldmedaille. Aber Kritiker werden von dieser Innovation nicht begeistert sein, vermutet Isermeyer: „Das Tier wird produziert und vollautomatisch behandelt wie eine Ware aus dem Hochregal. Ethisch gefragt: Wollen wir so mit unseren Nutztieren umgehen?“

Die Agrarforschung setze zumeist auf technische Lösungen, was in der Pflanzenproduktion gut funktioniere, sagt Isermeyer. Beispielsweise kann mit präziserem Düngemitteleinsatz wirtschaftlicher Getreide produziert werden. Auch bei der Tierhaltung wird Spitzentechnik eingesetzt, die oft, aber nicht immer dem Wohl der Tiere dient. So wurden Sauen gezüchtet, die in einem Wurf mitunter mehr Ferkel zur Welt bringen, als „Tränkeplätze“ bei der Muttersau vorhanden sind. „Auch da kommen wir in einen Grenzbereich zu Lasten des Tierwohls, Ferkel können sterben, weil zuwenig Saugzitzen vorhanden sind“, sagt Isermeyer. Muss man hier regulierend eingreifen? Heute schon hat eine Sau im Jahresdurchschnitt 2,2 Würfe mit 27 Ferkel pro Muttertier.

Auch in der Milchviehwirtschaft zählen Spitzenleistungen – wobei Länder wie Israel, Südkorea oder Saudi-Arabien mit extremen Tierleistungen den Takt vorgeben: Kühe werden dort mit einer energiereichen Kleepflanze (Luzerne) intensiv gefüttert und erzielen so bis zu 10 000 Liter Milch pro Jahr. In Deutschland sind die Ergebnisse mit 6000 bis 8000 Liter da noch relativ bescheiden – will auch Deutschland koreanische Verhältnisse?

Die Massentierhaltung in Deutschland wird gesellschaftlich immer mehr angezweifelt. Sie wird auch bei der Grünen Woche, die am Freitag beginnt und auf der mehr als 50 Minister aus aller Welt erwarteten werden, Thema sein. Es sei für die Landwirte durch den Druck der Öffentlichkeit eine „verstörende Situation“ entstanden, sagt Isermeyer. Entscheidungen für eine Betriebsexpanison würden kaum noch getroffen. Schon vor zwei Jahren hatte die Deutsche Agrarforschungsallianz eine „nationale Nutztierstrategie“ entworfen, die eine „messbare Verbesserung“ der Tierhaltung zum Ziel hat. Isermeyer, dessen Institut die Bundesregierung in agrarpolitischen Fragen berät, wünscht sich darauf ein Echo der Politik. Zur Zeit gebe es ein unkoordiniertes Nebeneinander von Einzelaktionen von Bund und Ländern für das Tierwohl, doch es fehle ein umfassender Plan. „Wir müssen ein Zukunftsbild schärfen. Was ist unser Ziel? Welche Nutztierhaltung wollen wir?“

Um eine Grundlage für die künftige Politik zu erhalten, hat das Thünen-Institut eine Arbeitsgruppe mit vier Experten eingesetzt, die eine Analyse der gesellschaftlichen Erwartungen an die Nutztierhaltung vornehmen. Denn die sind unklar und widersprüchlich. „80 Prozent der Leute kaufen Billigfleisch, schimpfen aber gleichzeitig über die Massentierhaltung“, sagt Isermeyer. Hiltrud Nieberg, die Leiterin des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft, sagt, dass es in der Bevölkerung eigentlich „keine realistische Vorstellung von Landwirtschaft“ gebe. Laut einer Umfrage der Universität Göttingen glaubt eine Mehrheit, dass die Massentierhaltung in Masthähnchenställen bei 5000 Tieren beginne. Tatsache sei, dass die durchschnittliche Betriebsgröße von Masthähnchenbetrieben – Kleinstbestände nicht berücksichtigt – bei gut 48 000 Tieren liege, in Niedersachsen gar bei 57 000. Hiltrud Nieberg erwartet, dass die Erzeugung tierischer Produkte erhöht wird, aber in weniger Betrieben stattfinden wird. „Wachsen oder weichen“ – das Motto gilt für Bauern immer noch. Aber schiere Größe ist kein Erfolgsgarant. So kann bei Kühen eine Bestandsgröße von 300 bis 400 Tieren noch rentabel sein, während ein Betrieb mit 3000 Kühen in vielen Regionen kaum realisierbar sein dürfte. Für Folkhard Isermeyer ist ein Leitbild für die Tierhaltung auch deshalb wichtig, weil öffentliche Gelder der Agrarförderung für „öffentliche“ Zwecke eingesetzt werden sollten. Am besten fände er, wenn ein unabhängiges Gremium die ethischen Aspekte klären würde.