„Es muss einem nicht bange sein“

Badische Zeitung, 5. Januar 2015

Kollegiaten berichten: Am 1. April wird in der Europäischen Union die Milchquote abgeschafft. Diese sollte in den vergangenen Jahrzehnten die Milchproduktion in der EU begrenzen und damit die Preise stabil halten. Jörg Buteweg, einer der Kollegiaten der „Tauchgänge in die Wissenschaft“, befragt Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Präsident des Thünen-Instituts in Braunschweig, wie es ohne Beschränkungen weitergeht, und ob es dann noch Milchkühe im Schwarzwald geben wird.

Herr Isermeyer, in diesem Frühjahr fällt die Milchquote. Was bedeutet das?

Isermeyer: Der einzelne Landwirt darf dann so viel Milch erzeugen, wie er will. Bisher war ja die Milchmenge für die einzelnen EU-Länder begrenzt.

Welche Konsequenzen hat das?

Isermeyer: In den meisten Ländern der EU wird gar nichts passieren. Dort nutzen die Landwirte schon heute die ihnen zustehende Quote nicht aus. Wenn sie das zu den bisherigen Preisen nicht getan haben, werden sie das in Zukunft auch nicht tun.

Wo spielt der Wegfall der Quote dann eine Rolle?

Isermeyer: Derzeit sind rund zehn Mitgliedstaaten an der Quotengrenze, allen voran Deutschland, Dänemark, die Niederlande und Irland. In diesen Ländern hat die Quote die Produktion tatsächlich begrenzt. Wenn die Produktionsbremse wegfällt, wird die Milchmenge wachsen.

Wie wirkt das auf die Preise? Die Milcherzeuger klagen ja jetzt schon über sinkende Preise.

Isermeyer: Die Preise sinken, aber von hohem Niveau. 2013 war ein Jahr mit sehr hohen Auszahlungspreisen.

Wird es weiter abwärtsgehen?

Isermeyer: Die Preise werden zunächst weiter sinken, das ist klar. Die Frage ist, wie weit sie sinken. Da müssen wir in Betracht ziehen, dass es keinen isolierten deutschen oder europäischen Milchmarkt gibt, sondern weltweit verbundene Märkte. Gemessen an den weltweiten Mengen ist die Menge, die in Norddeutschland, den Niederlanden oder Irland zusätzlich produziert wird, relativ gering. Deswegen rechne ich auch nur mit geringen Preissenkungen.

Die aber den ohnehin sinkenden Trend verstärken.

Isermeyer: Aktuell kommen drei Entwicklungen zusammen. Der Wegfall der Milchquote, die Sanktionen gegen Russland, weswegen das Land keine Milchprodukte mehr hereinlässt, und eine weltweit hohe Milchproduktion, weil in den vergangenen Jahren die Preise hoch waren. Alle drei Effekte drücken auf den Preis.

Wie tief wird dieses Preistal?

Isermeyer: Das ist schwer zu sagen. Erfahrungsgemäß geht es nach zwei, spätestens drei Jahren aus dem Tal auf den nächsten Preisberg. In vielen Ländern passen die Erzeuger ihre Milchmenge an, indem sie zum Beispiel mehr oder weniger Kraftfutter geben. Dann geben die Kühe mehr oder weniger Milch.

An den Börsen, an denen Milchquoten gehandelt werden, zeigt sich seit Jahren, dass Erzeugungsrechte von Süd nach Nord wandern, wo man zu niedrigeren Kosten Milch erzeugen kann.

Isermeyer: Daran wird sich meiner Einschätzung nach nichts ändern.

Kann man denn in Zukunft im Schwarzwald noch kostendeckend Milchkühe halten? Oder wird die Gegend bald ohne Kühe sein?

Isermeyer: Nein. Der Nordwesten Deutschlands hat zwar für eine intensive Milchwirtschaft gute Standortbedingungen. Aber die Sache hat ja Kehrseiten. Das Wachstum führt zu hohen Boden- und Pachtpreisen. Das bremst den Trend. Zum Zweiten bringen die vielen Tiere Umweltprobleme mit sich. Viele Landwirte wissen nicht mehr, wohin mit der Gülle, und für die Zukunft stehen noch schärfere Regulierungen ins Haus. Somit wird es künftig auch im Süden wettbewerbsfähige Milchproduktion geben. Außerdem haben die süddeutschen Molkereien in den vergangenen Jahren gute Auszahlungspreise geboten, weil sie ihre Produkte im Lebensmittelhandel geschickt im Hochpreissegment platziert haben. Um die Produktion im Schwarzwald muss einem nicht bange sein.