Mutter Erde braucht Schutz

Stuttgarter Zeitung, 2. Januar 2015

Kollegiaten berichten: Die Weltbevölkerung wächst. Zugleich geht fruchtbares Ackerland durch Erosion, Städtebau oder Verschmutzung verloren. Die UN haben 2015 zum „Jahr des Bodens“ ausgerufen. Christoph Link, einer der Kollegiaten der „Tauchgänge in die Wissenschaft“, erklärt in seinem Beitrag, welche Maßnahmen Forscher für guten Bodenschutz empfehlen.

Eine riesige Staubwolke wälzt sich über die Steppe in der Inneren Mongolei. Weiße Salzflecken schimmern in der ungarischen Puszta, ebenso im Weizengürtel bei Perth in Australien. Die Ursachen der Schäden am Erdboden sind verschieden: In der Mongolei werden immer mehr Nomaden sesshaft, was zur stärkeren Beweidung einzelner Standorte und zur Erosion führt. In Australien hat die starke Rodung salzhaltiges Grundwasser ansteigen lassen. Tiefwurzelnde Pflanzen, die früher Regenwasser im Boden hielten, verschwanden. Jetzt sinkt das Wasser tiefer und hebt so den Grundwasserspiegel an.

Der fruchtbare Boden ist von drei Seiten unter Druck. Die Erosion durch Wasser und Wind, die Verschmutzung und der Flächenverbrauch für Städte und Straßenbau machen ihn zur Wüstenei. Neben dem großen Thema Klimawandel steht die Ressource Boden etwas im Schatten, deshalb haben die Vereinten Nationen 2015 zum „Internationalen Jahr des Bodens“ ausgerufen – Aufmerksamkeit ist erwünscht.

Laut Umweltbundesamt hat der weltweite Verlust von Humusböden „dramatische Ausmaße“ angenommen. Jährlich gehen zehn Millionen Hektar nutzbarer Böden verloren – das entspricht der Fläche Islands. Ein Viertel des Bodens enthalte heute viel weniger Humus und Nährstoffe als vor 25 Jahren oder lasse sich nicht mehr als Ackerland nutzen. „Unsere Verantwortung zum Schutz der Böden geht über die Landesgrenzen hinaus“, sagt Maria Krautzberger, die Präsidentin des Umweltbundesamtes. „Wir Deutschen nutzen Böden in aller Welt, etwa durch den Import von Nahrungsmitteln.“ Vor allem eine nicht an den Standort angepasste landwirtschaftliche Praxis – das Fehlen von Fruchtfolgen, Monokulturen – macht Böden den Garaus.

Olaf Christen, Professor für Pflanzenbau in Halle, sieht die Lage auch in Deutschland kritisch, gerade was die regenarme Region Halle/Leipzig anbelangt. Bodenveränderungen seien im Tempo von Jahrhunderten zu messen. Wegen der „massiven Steigerung der Erträge“ in den letzten Jahrzehnten sieht er die Bodenfruchtbarkeit an ihren Grenzen angelangt. „Wir ernten mehr, düngen mehr. Wir erhöhen die Effizienz der Agrarflächen, steigern die Erträge und erkaufen das mit einem höheren Risiko“, sagt Christen.

Schwere Traktoren verdichten den Ackerboden, verursachen Nässestaus. Bauern erkennen, dass an der Stelle, wo ihre Maschinen auf dem Feld wendeten, das Korn weniger gut sprießt. Der Überschuss an Stickstoff durch Dünger oder Gülle belastet den Boden, sagt Christen. Er wird weitergespült über die Flüsse ins Meer und verursache dort „Todeszonen“, beispielsweise in der Ostsee. Dabei lasse sich der Wirkungsgrad von mineralischen Düngern gut messen: nur 50 bis 60 Prozent würden von der Pflanze verzehrt, „der Rest bleibt in der Umwelt hängen“.

Auch der Trend zum Anbau von Mais als Monokultur zehrt am Mutterboden. Da Maispflanzen sich erst spät im Sommer entwickeln und die Reihen schließen, bleiben Äcker lange ohne Schutz dem Wind und Regen ausgesetzt – noch ein Faktor für Erosion. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hält es für einen Fehler, dass sich Deutschland 2013 gegen eine Bodenschutzrichtlinie der EU gestemmt hat. „Dabei haben wir in Deutschland eine erhebliche Bodenerosion: in Hanglagen, in den sandigen Böden in den neuen Ländern und in ausgeräumten Kulturlandschaften“, sagt Martin Hofstetter, Agraringenieur bei Greenpeace. Sorgen machen ihm die CO2-Emissionen durch die bäuerliche Nutzung von moorigen Gebieten – etwa dem Oderbruch in Brandenburg.

„Die MoorKartoffel sollte man verbieten“, sagt Hofstetter. Denn was viele nicht wissen: der Erdboden ist ein riesiger Kohlenstoffspeicher, er enthält mit 1500 Gigatonnen organischem Kohlenstoff die doppelte Menge des Kohlenstoffs, der sich im Kohlendioxid gebunden in der Atmosphäre befindet. Moore speichern besonders viel Kohlenstoff, werden sie trockengelegt, entweicht Kohlendioxid. Das Thünen-Institut in Braunschweig, eine Bundesforschungsanstalt, hat errechnet, dass aus drainierten Moorböden in Deutschland so viel Treibhausgas entweicht wie der deutsche Luftverkehr ausmacht – 40 Prozent aller CO2-Emissionen der Landnutzung haben hier ihren Ursprung.

Es gebe Wechselwirkungen zwischen Klima und Boden, sagt Arne Heidkamp, Laborleiter am Thünen-Institut für Agrarklimaschutz. Sechs Kartierteams seines Instituts nehmen derzeit Bodenproben auf Agrarflächen an 3109 Standorten in Deutschland, um den Kohlenstoffgehalt zu messen. Kürzlich wurde mit der Probenentnahme in Baden-Württemberg begonnen. „Wir müssen gemäß der Klimarahmenkonventionen und dem Kyoto-Protokoll die Daten für die Emissionsberichterstattung verbessern“, sagt Heidkamp. Wie Klima, Landnutzung und Bodenmanagement auf die Kohlenstoffvorräte im Boden wirken, will man besser verstehen.